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Unsere Urban-Gardener:

Marcel, der Überzeugungstäter!

Ab heute stellen wir euch auf dem Blog auch die TeilnehmerInnen des Urban Gardening Wettbewerbs vor. Marcel Scheffknecht ist Urban Gardener aus Überzeugung.

Zwei Minuten zu Fuß von der Dresdnerstraße, am Café Susi links vorbei, in Richtung der S-Bahn-Gleise auf die Einhausung der Linie U6 und weiter über die Gstätten – was einen hier erwartet, erwartet man hier nicht:  

Ein Gartentor, liebevoll beschriftet mit „Garten Löwenzahn“, dahinter verbirgt sich ein Gemeinschaftsgarten wie eine blühende Oase. Mit Blick auf den Millenium Tower. Marcel ist Vereinsmitglied mit Vereinsfunktionen. Wie ein Vereinsmeier wirkt er aber so überhaupt nicht, wenn er Schattenplatz und selbst gemachten Zitronensirup anbietet – aus eigenem Anbau, versteht sich.

Einer für alle

Einst zum Studium aus dem Ländle in die Hauptstadt zugewandert, hatte Marcel über die Jahre schon vergessen, was als Kind für ihn selbstverständlich war: Jedem sein eigener Garten. In der Stadt lässt sich das eher in Form eines Gartens für alle umsetzen.

Das Trend Urban Gardening hat ihn über 20 Jahre später daran erinnert, dass er vom Opa einst schon grundlegende Gärtnerweisheiten mitbekommen hat. Von den Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmethoden des Großvaters hat sich Marcel aber entfernt: „Damals hat man ja noch DDT ausgebracht, wir verwenden aber nur mehr natürliche Mittel.“

Für Marcel ist diese Art des Gärtnerns mit einer gesellschaftspolitischen Botschaft verknüpft, erklärt er: „Wie kann man in der Stadt Flächen für Menschen nutzbar machen - einerseits für die Stadtbewohner, andererseits für Mikrolebewesen wie Insekten.“

Self made Urban Gardener: Jakobsweg oder Gärtnern?

„Ich habe also nach einer Möglichkeit gesucht, mich in der Gesellschaft zu engagieren“, nennt Marcel als Hauptgrund für seinen Einsatz für Biodiversität. Aber auch persönlich habe er davon profitiert, mit Menschen seiner Umgebung in Kontakt treten zu können und bewusster zu leben:  „2012 habe ich überlegt, ob ich den Jakobweg gehen oder Urban Gardener werden will“, sagt er und lacht.  

„Im Bezirk gab es mehrere Leute, die in Richtung Urban Gardening etwas machen wollten, ich bin kurz später dazugestoßen, und wir haben 2012 das Projekt als „Garten Löwenzahn“ gegründet und mit der Gebietsbetreuung unseres Bezirks eine Fläche gesucht.“ 300 Quadratmeter werden nun von 30 Vereinsmitgliedern kultiviert, die auch die Hochbeete, die Sitzgelegenheiten und eine kleine Gartenhütte selbst gebaut haben.

„Heftig gepickelt und geschaufelt“
Als die Gärtner das Grundstück des heutigen Gemeinschaftsgartens erobert haben, war es Brachland. Das kontaminierte Erdreich auf dem U-Bahn-Tunnel hat einige Überraschungen für die Urban Gardener aller Generationen geborgen.

„Wir haben 1,50 Meter Erde unter uns, dann kommt der U6-Tunnel. Erhebliche Teile des Erdreichs mussten wir ersetzen. Das Gartenamt hat uns da sehr unterstützt.“ Marcel erinnert sich: „Wir haben aber heftig gepickelt und geschaufelt im ersten Jahr, die Erde war knallhart und wir haben da Eisenstangen und Betonteile rausgeholt.“

Die Mühen haben sich gelohnt, der neue Boden ist nährstoffreich und eine Hochquellwasserleitung versorgt jetzt Garten, GärtnerInnen und Gäste. „Nachdem die Leute gesehen haben, wie sich die Vegetation entwickelt, stehen sie fast alle dem Projekt sehr positiv gegenüber. Wir sind immer offen, jeder, der Erholung sucht, kann reinkommen und sich auf unsere Bankerl setzen.“

„Das erste Jahr gehört der puren Leidenschaft“
Im ersten Jahr hat Marcel einfach drauflosgegärtnert und so manche Lektion auf die harte Tour gelernt: „Das erste Jahr gehört der puren Leidenschaft und das ist auch gut so. Ich habe damals sehr wenig gewusst. Mittlerweile beraten im Verein zwei Leute die Neuen, denn Gärtnern kann, wenn man nicht geduldig ist, auch eine Überforderung sein.“

Doch wer keine Hemmungen hat, sich die Hände schmutzig zu machen, wird im Garten Löwenzahn seine Nische finden. Die Mitglieder haben unterschiedliche Schwerpunkte, manche widmen sich nur dem eigenen Beet, andere eher den Gemeinschaftsanbauflächen oder den Insektenhotels des Gartens.

Der Wandel der Natur

... bestimmt auch die Vereinskultur: Wer im Garten Löwenzahn nicht nur entspannen, sondern mitgärtnern möchte, kann sich bei der Gebietsbetreuung am Allerheiligenplatz auf eine Liste setzen lassen, um nachzurücken, wenn jemand aufhört.

Das Aufhören kann auch ein unfreiwilliges sein, denn es gibt eine Beetbehaltefrist von drei Jahren für GärtnerInnen, die keine Vereinsaufgaben übernehmen. Vereinmitarbeit verschafft einem weitere zwei Jahre, dann jedoch ist erst einmal Schluss mit dem eigenen Beet und andere Gärtner dürfen sich gestalterisch verwirklichen. Durch diesen laufenden Mitgliederwechsel, bieten sich neue Möglichkeiten im Zusammenwirken der Hobbygärtner, wie Marcel mehrdeutig schmunzelnd bemerkt.

Der Gemeinschaftsgärtner auf Youtube
Marcel schwärmt sehr von seinen Kräutern und davon, wie er gelernt hat, Pflanzen nebeneinander zu pflanzen, die sich gegenseitig guttun. Er schwärmt aber auch von den Festen, die hier im Garten zur Verkostung der Ernten stattfinden - von den fest veranschlagten bis zu den kleinen spontanen Mojito-Abenden, für die Marcel hier ausgiebig Minze anbaut.

Marcel möchte mehr solcher Gärten in Wien sehen und heckt schon entsprechende Pläne aus. Im Moment freut er sich über Besucher und Nachahmer. Wenn man ihn in seinen Garten begleitet, merkt man schnell, dass er hier in seinem Element ist:

„Immer wenn ich da bin, fallen die Alltagsprobleme von mir ab. Ich mag den Zug, der hier vorbeifährt. Das unterstreicht das Urbane. Man ist im Garten und sieht gleichzeitig die Leute, die im Zug sitzen und nachdenken.“ Das Interesse ist anscheinend ein gegenseitiges, denn es gibt Youtubevideos, die – aus dem Zug aufgenommen – Marcel beim Gießen seiner Pflanzen zeigen.